Xin nian hao
Wenn man es recht betrachtete, war es die Nacht des Jahres.
Selbst die Pagoden des ehrwürdigen Tempels zierte ein feiner roter Schein, während das ganze Dorf mit Laternen durch die Straßen zog. Risto hätte es um ein Haar für Mistgabeln und Fackeln gehalten- dieses war er ja viel eher gewohnt.
Er stand etwas abseits und beobachtete sie misstrauisch. Es war der kalte graue Abend eines kalten grauen Tages- was hatten diese Narren zu feiern? Auch wenn kein Schnee lag, war der ungewöhnlich milde Winter noch nicht um. Ein junges Kalb brüllte verängstigt auf, als ein erster Feuerwerkskörper mit einem Krachen explodierte.
Auch Risto war aufgeschreckt. Er hatte kampfbereit sein Versteck verlassen, aber als er nun merkte, dass nicht auf ihn geschossen worden war, stand er leider schon im Laternenlicht der Menschen.
„Wer bist du?“ fragte einer der Mutigen sofort.
Die Gespräche der Dorfbewohner waren verstummt, nur eine alte Greisin murmelte noch ihr Lied vor sich her. Risto hasste es, wie sie alle starrten. Bis auf die Alte. Die sang. Irgendwie mochte er das.
„Bist du ein Gott?“
Risto dachte scharf nach.
Sollte er ihnen die Wahrheit sagen und riskieren, dass sie böse wurden, oder würden sie böse werden, wenn-
„Ja.“
Er wollte sehen, was sie taten. Er sagte es aus bloßer Neugier.
„Oh heiliger Buddha!“, rief der Mann, mehrere Frauen fielen kurz nacheinander vor Aufregung um.
„HEY! Nimm das zurück! So fett bin ich auch nicht!!“
Risto war schon hochrot im Gesicht und wollte noch mehr sagen, da reichte man ihm eine gebratene Ente. Sie roch köstlich und sah frisch aus, sicher hatte sie auch eine kostbare Füllung erhalten- er nahm sie an.
„Danke-“
„Oh heiliger Geist! Was wird uns im nächsten Jahr erwarten?!“ fragte man ihn erwartungsvoll.
Mit Aussicht auf eine weitere Ente, eine Schüssel Kartoffeln und einige Teller Kekse, die die Frauen bei sich trugen, antwortete Risto gerne- „Es wird…öh… schön. Schön- äh- grün und so.“
„Es wird grün!! Es wird grün!!“
Die Leute jubelten und feierten drauflos- einige bewarfen Risto mit Geldmünzen und Schmuck, weil das Glück brachte. Andere beteten bloß, aber die meisten sangen und feierten und vergaßen ihn vollkommen. Also trat er den Rückzug an. Die eine Ente hatte er schon im Mund, die zweite zusammen mit den Kartoffeln und den Keksen wie Schätze an sich gepresst. Bäh. Einige Münzen waren unter die Kartoffeln geraten. Das hieß, er würde beim Essen aufpassen müssen.
Er steuerte direkt einen großen Ochsen an, der für seine Zwecke geeignet schien und leerte die Taschen, die das Tier an der Seite seines Körpers zu tragen hatte. Seine neue Fracht war Ristos Abendessen und seine freiwillig oder unfreiwillig erbeuteten Schätze.
„Auf geht’s, Partner!“, meinte Risto zum Rind und schwang sich auf dessen Rücken.
Das Tier trug ihn tatsächlich. Er lenkte es direkt aus dem Dorf, immer nur weg von diesen leichtgläubigen verrückten Leuten. Wegen der ungewöhnlichen Hitze nahm Risto nun sogar seinen Mantel ab, während er sich in aller Ruhe betrachtete, was er heute Abend eingenommen hatte. „Gar nicht so schlecht-“, meinte er zum Kopfschmuck der Tochter des Dorfvorstehers, dann sah er wieder auf seinen Weg. „Frohes neues Jahr!!“.
Grinsend fügte er hinzu: „Chinesisches neues Jahr! Xin nian hao!“
(Text:
Styx_H20♥)